Lohfert-Preis
Wir haben mit Dr. Anselm Bründlmayer von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien und DGKP Christian Häusler von den Psychosozialen Diensten Wien über das Projekt "Begleitung der Transition von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenpsychiatrie" gesprochen:
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Wenn psychisch kranke Jugendliche erwachsen werden, darf ihre Behandlung nicht abbrechen. Trotz internationaler wissenschaftlicher Empfehlungen passiert aber genau das häufig. Ein Kooperationsprojekt der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien und den Psychosozialen Diensten Wien (PSD-Wien) will das verhindern und junge Menschen mit psychischen Erkrankungen gezielt beim Wechsel von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenpsychiatrie unterstützen. Das interprofessionell zusammengesetzte Transitionsteam bereitet den Übergang gemeinsam mit den Betroffenen vor, begleitet die ersten Schritte in der Erwachsenenpsychiatrie und trägt so dazu bei, Versorgungslücken und Behandlungsabbrüche zu vermeiden. Das praxiserprobte Modell verbindet patientenzentrierte Begleitung mit wissenschaftlicher Evaluation und zeigt, wie die Patient Journey über Sektorengrenzen hinweg nachhaltig verbessert werden kann.
Während der PSD-Wien mit seinem Team AST – Ambulant Sozialpsychiatrische Transition – die Klient:innen betreut, übernimmt die MedUni Wien die klinische Versorgung, die Auswahl der Jugendlichen und die wissenschaftliche Begleitung des Projekts.
Das Angebot richtet sich an die Patient:innen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die kurz vor ihrem 18. Geburtstag stehen und damit kurz vor dem Versorgungswechsel in die Erwachsenenpsychiatrie. In dieser Phase der Transition kommt es häufiger zu Behandlungsabbrüchen und somit zu schlechteren Gesundheitsoutcomes und höherer Belastung.
Gerade sehr belastete Personen schaffen oft nicht den Übergang zwischen der kinder- und jugendlichen Versorgung und der Erwachsenenversorgung. Und das Projekt versucht diese Brücke besser zu schlagen und diesen Übergang besser zu unterstützen. (A. Bründlmayer)
Die größte Herausforderung ist der Beziehungsaufbau, den Klienten gut zu erreichen, für ihn da sein zu können und ihm Hilfe zur Eigenverantwortung zu geben. ... Dass jetzt nicht mehr alles für sie erledigt wird, sondern dass wir das gemeinsam erledigen und dass sie selbst Entscheidungen treffen müssen.
Ch. Häusler schildert konkret, dass vor allem das Telefonieren eine große Herausforderung für die Klient:innen sei, etwa, wenn Termine vereinbart oder abgesagt werden müssen. Das selbstständige Telefonieren wird im Rahmen der Begleitung unterstützt.
Für die Klient:innen liegt laut A. Bründlmayer die Herausforderung darin, aus der sehr fürsorglichen kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung mit vertrauten Personen und einem bekannten Setting in die Erwachsenenversorgung zu wechseln, die oft an einem anderen Standort, vielleicht auch in einer anderen Institution, ist.
Das ist dann einfach extrem herausfordernd überhaupt zu wissen, wo muss ich dann anrufen, wo kann ich eine Betreuung finden, wo kann ich hingehen, kann ich Unterstützung bekommen. (Ch. Häusler)
Weil wir Selbstverantwortung fördern, aber trotzdem nachgehend sind. (Ch. Häusler)
Die Jugendlichen lernen vor allen Dingen auch, Entscheidungen selbst zu treffen: Sie können selbst bestimmen, ob und wie sie die Betreuung in Anspruch nehmen, wo beispielsweise die Treffen stattfinden – im Büro des Transitionsteams, im öffentlichen Raum oder bei ihnen zu Hause. Gleichzeitig müssen sie lernen, Termine selbst zu vereinbaren und zuverlässig wahrzunehmen. Das Angebot verbindet damit Selbstständigkeit mit einer weiterhin engmaschigen Begleitung.
Deswegen ist das Projekt sehr gut und wird auch sehr gut angenommen, diese Selbstverantwortung zu trainieren. ... Weil sie sind dann ja knapp vor dem 18. Geburtstag – da müssen sie schon ihre eigenen Entscheidungen treffen und sich auch überlegen, wo will ich denn überhaupt hin? (Ch. Häusler)
Ursprünglich sollte das Projekt 15 bis 30 Jugendliche mit hohem Unterstützungsbedarf einschließen, die an der MedUni Wien versorgt werden. Inzwischen werden auch Jugendliche anderer Wiener Einrichtungen betreut, sodass inzwischen, nach zweieinhalb Jahren Projektlaufzeit, schon 60 Klient:innen begleitet wurden. Dem Transitionsteam der PSD-Wien stehen dafür insgesamt 90 Wochenstunden, verteilt über drei Fachkräfte, zur Verfügung.
Der Klient muss aber dann aktiv die Entscheidung treffen, ob er das möchte oder nicht. Das ist uns auch ganz wichtig. Wenn er dann in dem Moment sagt, das will ich nicht, dann ist es auch gut. … Er kriegt von uns trotzdem eine Visitenkarte und kann sich jederzeit melden. Das ist uns immer ganz wichtig: Er muss es wollen. (CH. Häusler)
Über einen Patienten, dem es mit Hilfe des Transitionsteams nach und nach gelungen ist, Termine wahrzunehmen und im Erwachsenenpsychiatrischen Setting anzukommen.
Geduld und Dranbleiben – wirklich oft anrufen, wirklich oft hinterhersein, sagen, hey, komm, wie ist es gerade, was machst du gerade? … Das waren schon auch so ganz kleine Schritte oft. Ganz, ganz viel Beziehungsarbeit. (Ch. Häusler)
Die Vision ist, Transitionen in den Regelbetrieb zu übernehmen und an jeder psychiatrischen Station auch im Erwachsenenbereich anzubieten.
Die Vision: Transitionen sollen stärker in den Regelbetrieb integriert und perspektivisch an jeder psychiatrischen Station – auch im Erwachsenenbereich – angeboten werden.
Die Personen, die in diesem Übergang verloren gehen, sind dann aber nicht geheilt. Man kann sich vorstellen, dass die Personen ... die in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Versorgung waren, dann aber in keinem Versorgungs-Setting mehr sind, dass die sich dann vor allem noch mal in ihrer Erkrankung verschlechtern werden und dann erst recht irgendwann wieder in die Notfallversorgung kommen und dann umso mehr Ressourcen auch benötigen werden und auch finanzielle Ressourcen.
Und deswegen ist dieser Ansatz ein sehr präventiver, denke ich – wie man verhindern kann, dass sich Erkrankungen chronifizieren beziehungsweise noch mal akuter werden. Also abgesehen vom Menschlichen, kann man das sicher auch finanziell begründen, denke ich. (A. Bründlmayer)
Viel Beziehungsarbeit, den Klienten die Hilfe zur Selbsthilfe geben und schauen, dass der Klient gut dort ankommt, was er sich auch gut fühlt. (Ch. Häusler)
Ich würde mir wünschen, dass es weniger diesen ganz harten Cut gibt zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie und Erwachsenenpsychiatrie, sondern dass es mehr einen Graubereich geben kann, auch Unterstützungsangebote, Institutionen, die sich genau für dieses Transitionsalter interessieren und zur Verfügung stehen. (A. Bründlmayer)
Eine Transitionsambulanz im klinischen Bereich. (Ch. Häusler)
Dass sinnvolle Unterstützungs- und Behandlungsangebote weiter finanziert werden und dass die Versorgung im psychiatrischen Bereich, die sowieso schon sehr eingeschränkt ist von den Möglichkeiten her, ausgebaut werden kann. Dass die Menschen, die psychiatrische Versorgung brauchen, auch die Versorgung bekommen, die ihnen zusteht. (A. Bründlmayer)
… dass man den Klienten die Selbstständigkeit gibt, aber trotzdem auch ein (Unterstützungs-)Angebot hat – dass beides vorhanden ist. (Ch. Häusler)
Neben einer besseren Verbindung zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie und Erwachsenenpsychiatrie geht es vor allem darum, sinnvolle Unterstützungs- und Behandlungsangebote dauerhaft zu finanzieren und die psychiatrische Versorgung auszubauen.
Dass sinnvolle Unterstützungs- und Behandlungsangebote weiter finanziert werden und dass die Versorgung im psychiatrischen Bereich, die sowieso schon sehr eingeschränkt ist von den Möglichkeiten her, ausgebaut werden kann. Dass die Menschen, die psychiatrische Versorgung brauchen, auch die Versorgung bekommen, die ihnen zusteht. (A. Bründlmayer)
Ch. Häusler betont die Balance zwischen Selbstständigkeit und Unterstützung:
… dass man den Klienten die Selbstständigkeit gibt, aber trotzdem auch ein Angebot hat, dass beides vorhanden ist. (Ch. Häusler)
Hamburg/Wien, 18.08.2026 - das Gespräch fand als Videokonferenz statt.
Visuelle Therapiepläne bei komplexen Krebsbehandlungen, Dr. Helena Jambor – im Podcast
OnkoPass, Oliver Ullrich – im Podcast
Die PICS-Ambulanz der Charité – Sektorenübergreifende Kontinuität für Überlebende einer intensivmedizinischen Therapie, Prof. Dr. med. Nicolas Paul – im Podcast
Intro/Outro: www.kurtcreative.de / Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wieder. Die Christoph Lohfert Stiftung macht sich Äußerungen ihrer Gesprächspartner:innen in Interviews und Beiträgen nicht zu eigen. Headerbild: Bertram Solcher für den Lohfert-Preis 2026.