Lohfert-Preis
Kurz vor der Bekanntmachung des nächsten Lohfert-Preisträger haben wir mit ihm gesprochen – über seine Erlebnisse im Klinikalltag, insbesondere bei den Lohfert-Preisträgern, über visuelle Empathie und warum echte Bilder mehr erzählen als jede KI.
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Medizinfotografie geht über reine Dokumentation hinaus. Sie eröffnet einen Zugang zu Fragen wie:
Durch visuelle Eindrücke werden diese Aspekte greifbar. Fotografie kann damit ein wichtiges Instrument sein, um Qualität im Gesundheitswesen sichtbar zu machen und Diskussionen über Verbesserungen anzustoßen.
Solcher beschreibt die klassische Medizinfotografie als dokumentarische, wissenschaftlich arbeitende Disziplin. Seine eigene Arbeit grenzt er davon ab: Ihn interessiert vor allem der Mensch hinter Technik und medizinischem Prozess. Im Fokus stehen für ihn die Interaktionen und individuellen Erfahrungen von Patient:innen, Pflege und Ärzt:innen.
Sein Zugang zur Fotografie begann in der Schulzeit als Fotograf für den „Schwarzwälder Boten“. Erst nach dem Medizinstudium, zur Zeit des Mauerfalls und Zusammenbruchs der Sowjetunion entwickelte sich eine Karriere im Fotojournalismus mit breitem Themenspektrum – von Politik bis Sport. Der Einstieg in die Medizinfotografie erfolgte erst später über zwei journalistische Aufträge in Hamburg – für die damaligen LBK-Kliniken und das berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus in Bergedorf.
Eine Kamera ist eine schöne Entschuldigung, sich mit Menschen auseinandersetzen zu dürfen. Das ist wie eine Eintrittskarte. Man ist dann da, und es liegt an einem selbst, was man dann daraus macht. Ich habe anscheinend die Fähigkeit, relativ ruhig zu begleiten. Das ermöglicht dann Einblicke, die man sonst nicht bekommt.
Solcher beschreibt, wie er durch ruhiges Verhalten eine vertrauensvolle Atmosphäre schafft und wenig wie möglich in Abläufe eingreift.
„Ich habe auch kein Problem, mich mit Menschen auseinanderzusetzen, die in für sie problematischen Situationen sind – und im Bedarfsfall lasse ich auch erstmal die Kamera liegen und unterhalte mich oder bin einfach erstmal nur da."
Aus einem Corona-Tagebuchprojekt, einer privaten Familien-Dokumentation während der Pandemie, entwickelte sich eine Bilder-Geschichte über die schwere Depression seiner Tochter, die große Resonanz auslöste.
20 Bilder aus dieser Zeit wurden in einer gemeinsamen Ausstellung mit der Fürstenberg Foundation im Ernst Deutsch Theater in Hamburg gezeigt – mit über 500 Gästen bei der Vernissage. Besonders prägend für Bertram Solcher waren die persönlichen Gespräche mit den Gästen. Für ihn bedeutet „visuelle Empathie“, im Bild Emotionen festhalten zu können und Verständnis für komplexe Situationen zu fördern.
Im Operationssaal – wie beispielsweise hier im Bild die Herz-Lungen-Maschine bei einer Herz-OP – bewegt sich Solcher mit minimaler Ausrüstung und großer Zurückhaltung. Er versucht, Stimmungen zu erfassen und relevante Momente intuitiv zu erkennen. Dabei geht es ihm nicht um spektakuläre Technikbilder, sondern um Perspektiven, die die Sicht der Patient:innen und des Gesundheitspersonals abbilden.
Man kann das als Vorteil oder auch als Nachteil sehen: Ich kann mir keine Bilder bauen... Was ich aber kann, ist, Leute arbeiten lassen, und zwar so, wie sie normal agieren und sie dabei zu beobachten. Und das funktioniert.
Als besonders eindrücklich schildert Bertram Solcher Projekte, die unterschiedliche Lebensphasen abbilden. Dabei zeigten sich überraschende Parallelen in Ausdruck und Berührung, so, wie bei den beiden ersten Lohfert-Preis-Projekten, in der Neonatologie in Zürich und der dem demenzsensiblen Alfried-Krupp-Krankenhaus in Essen. Für Solcher verdeutlichen die Bilder die universelle Dimension menschlicher Bedürfnisse
Ich möchte Klischees vermeiden und eine Perspektive bieten, die es so noch nicht gegeben hat. Oder zumindest in diesem Zusammenhang noch nicht gegeben hat.
Viele der ausgezeichneten Projekten haben, betont Solcher, nachhaltige Veränderungen in der Medizin angestoßen. Projekte wie Patient Blood Management oder Sepsis-Früherkennung sind heute etablierte Standards. Die fotografische Begleitung kann diese Entwicklungen sichtbarer und nachvollziehbar machen. Auch unter schwierigen Bedingungen wie während der Corona-Pandemie haben sich bislang geeignete Wege gefunden, die Geschichte des Preisträgers zu erzählen. Entscheidend dabei ist die Zusammenarbeit mit den Akteur:innen vor Ort.
Fotografie, "zumindest im Zusammenhang mit Text", so Solcher, kann Emotionen und komplexe Situationen auf den Punkt bringen. Während KI bestehende Bildmuster reproduziert, bleibt die Fotografie unverzichtbar, um authentische Bilder und neue Perspektiven zu finden.
Die Wirklichkeit ist häufig so viel spannender als alles, was wir uns am grünen Tisch ausdenken können.
Ich hoffe, dass unser Umgang unter uns Menschen respektvoller wird, als er vielleicht heute ist und dass dazu gehört, dass wir wieder lernen, genauer hinzugucken bzw. Leute für uns genauer hingucken zu lassen und uns nicht permanent mit Klischees und Vorurteilen beschäftigen.
Also man kann optimieren und optimieren. Aber die Frage ist, was will man denn optimieren? Gerade im Medizinbereich werden … bestimmte ärztliche Handlungen durch KI oder durch Automatismen ersetzt werden können. Dadurch wird wieder mehr Zeit für die Menschen bleiben und vielleicht auch für die an dem Prozess Handelnden, also sprich auch Ärzte, Pflegende und alle die da drum gestrickt sind.
Hamburg, 28.04.2026
Bertram Solcher ist Fotograf und Mediziner. Seit mehr als 25 Jahren fotografiert er, angefangen mit Arbeiten für Tageszeitungen, nationale und internationale Magazine wie Stern, GEO oder SPIEGEL. Seit den frühen 2000er-Jahren widmet sich Bertram Solcher der Corporate Fotografie mit den Schwerpunkten Medizin, Wissenschaft und Technik. Bertram Solcher wird von der Agentur Laif vertreten.
Mit seinem Gespür für Menschlichkeit, Intimität und den unsichtbaren Momenten, die im Klinik- und Gesundheitsumfeld oft unausgesprochen bleiben, begleitet er den Lohfert-Preis mit seinen Fotoreportagen von Beginn an. Bertram Solcher strebt danach, Bilder zu schaffen, die nicht nur dokumentieren, sondern verstehen lassen, wie Medizin, Forschung und Pflege im Alltag miteinander wirken. Zuletzt zeigte die Fürstenberg Foundation seine Ausstellung „Von der Dunkelheit ins Licht“ in Hamburg. Darin dokumentierte Bertram Solcher den Krankheitsverlauf seiner Tochter Janne während einer schweren Depression in der Corona-Pandemie. Die Geschichte wurde zudem im Stern veröffentlicht.
Medizinfotografie dokumentiert und interpretiert medizinische Situationen. Sie zeigt sowohl klinische Prozesse als auch die Perspektiven von Patient:innen und Behandelnden.
Sie macht emotionale, soziale und kommunikative Aspekte sichtbar, die für die Qualität der Versorgung entscheidend sind.
Indem sie die Sichtweise der Patient:innen in den Mittelpunkt stellt und deren Erfahrungen nachvollziehbar macht.
*KI-generiert
Intro/Outro: www.kurtcreative.de / Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wieder. Die Christoph Lohfert Stiftung macht sich Äußerungen ihrer Gesprächspartner:innen in Interviews und Beiträgen nicht zu eigen. Headerbild: Bertram Solcher für den Lohfert-Preis 2019 an das Projekt Vereinfachung und Vereinheitlichung der stationären Pflegedokumentation, Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien – medizinischer Universitätscampus (AKH Wien).