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Prof. Nicolas Paul ist Professor für Tele-Intensivmedizin und arbeitet als Oberarzt auf einer Intensivstation in der Akutversorgung an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Wir fragen ihn: Was genau ist die PICS-Ambulanz, warum gibt es sie (noch nicht überall), welche Chancen liegen auch hier in der Digitalisierung – und was wünscht er sich für das Gesundheitswesen.
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Das Interview im Überblick
Immer mehr Patient:innen überleben heute eine schwere Erkrankung und die Behandlung auf der Intensivstation. Mit der Entlassung ist die Belastung für viele jedoch noch nicht vorbei. Körperliche, psychische und kognitive Beschwerden können Monate oder sogar Jahre andauern.
Die PICS-Ambulanz betreut Patient:innen, die intensivmedizinisch behandelt wurden, und unterstützt sie dabei, in ihren häuslichen Alltag zurückzufinden.
„Die Patient:innen werden von unserer Intensivstation verlegt in die Folgeeinrichtung, haben aber immer noch Monate und Jahre mit den Folge-Erscheinungen dieser akuten, schweren Erkrankung zu kämpfen.“
Intensivmedizin bedeutet für Patient:innen eine akute, oft lebensbedrohliche Situation. Wenn wichtige Organe wie Lunge oder Herz nicht mehr ausreichend funktionieren oder ein Organfunktionsausfalls droht, ist eine Behandlung auf der Intensivstation notwendig. Die Medizin ist dabei stark durch technische Verfahren geprägt und konzentriert sich zunächst darauf, die lebenswichtigen Organfunktionen zu stabilisieren.
Wir haben Patient:innen, die akut vital bedroht sind und am Ende sehr, sehr schwer krank sind. Und je nach Grunderkrankung oder Komplikationen, die auftreten können, kann sich dann diese intensiv-stationäre Therapie auch über Wochen und im schlimmsten Fall auch über Monate ziehen. Und das geht mit ganz hohen Kosten für die Patient:innen einher. Daraus ist dann dieser Wunsch, diese Idee entstanden, diese Patient:innen weiter zurück ins Leben zu begleiten.
In Deutschland gibt es jährlich mehr als 1,5 Millionen intensivmedizinische Behandlungsfälle. Viele der Betroffenen entwickeln nach einer längeren intensivmedizinischen Behandlung Beschwerden, die unter dem Begriff Post-Intensive-Care-Syndrom zusammengefasst werden.
Die Beeinträchtigungen lassen sich in drei Dimensionen einteilen:
Die besondere Herausforderung: Häufig treten Beschwerden aus mehreren Dimensionen gleichzeitig auf. Dadurch ist die Behandlung komplex und muss individuell auf die Patient:innen abgestimmt werden.
(10:38) Wir wissen, dass Patient:innen häufig nicht nur eine Domäne haben, die betroffen ist, sondern zwei oder Probleme in mehr als drei Domänen haben. ... Und dieser syndromale Charakter, also dieses Überlappen von Problemen in diesen einzelnen Domänen, das ist eben auch die große Herausforderung dieser Patientengruppe. Weil es total schwer ist therapeutisch anzugehen, weil man an vielen verschiedenen Stellen ansetzen muss und sich überlegen muss, was sind die führenden Probleme, was ist das, den Patienten und die Patientin belastet, was tatsächlich in der Lebensqualität belastet, was müssen wir in welcher Priorität angehen und was auch zusammen.
Wir entwickeln einen individuellen Behandlungsplan und dann begreifen wir uns zum einen natürlich als Behandler:innen, aber auch als eine Art koordinative Funktion oder koordinative Einheit.
Weitere Projekte, die im Rahmen des Lohfert-Preises 2026 lobend erwähnt wurden, finden Sie hier.
Die PICS-Ambulanz verfügt über ein wachsendes Netzwerk an Anlaufstellen. Innerhalb der Charité können Patient:innen direkt an spezialisierte Ambulanzen weitervermittelt werden. Bei wohnortnahen Angeboten wie Physiotherapie oder Logopädie suchen sich die Patient:innen in der Regel selbst eine geeignete Praxis.
Die Ambulanz versteht sich dabei ausdrücklich als Ergänzung zur hausärztlichen Versorgung. Sie soll Hausärzt:innen bei der Koordination komplexer Behandlungsverläufe unterstützen.
Wir begreifen uns nicht als Konkurrenz zu der hausärztlichen Versorgung. [...] Sondern wir sehen uns als Ergänzung und in gewisser Weise auch als Entlastung der Hausärzt:innen.
Eine frühere Begleitung wäre grundsätzlich wünschenswert. In der Praxis wechseln Patient:innen nach der Intensivstation jedoch häufig in Reha-Einrichtungen außerhalb Berlins und sind damit für die Ambulanz zunächst nicht erreichbar.
Nach etwa drei Monaten sind sie meist wieder zu Hause. Genau diese Phase erweist sich häufig als besonders schwierig: Die intensive Unterstützung der Rehabilitation ist vorbei, gleichzeitig müssen die Patient:innen ihre weitere ambulante Versorgung zunehmend selbst organisieren.
(21:09) Das Problem ist der Zeitpunkt danach. Also wenn die Patient:innen wieder zu Hause sind und dann letztlich ihre eigene Versorgung selber koordinieren müssen. Und da ist die ambulante Versorgung in Deutschland total fragmentiert organisiert und letztlich sind dann Patient:innen darauf angewiesen, dass der Hausarzt, die Hausärztin sich total stark einbringt und auch darum kümmert und alle Arzttermine organisiert.
Angehörige übernehmen häufig eine wichtige Lotsenfunktion. Sie organisieren Arzttermine, behalten Befunde im Blick und koordinieren die weitere Versorgung. Fehlt ein solches soziales Netzwerk, stehen Patient:innen allein vor der komplexen Aufgabe, ihre weitere Behandlung zu organisieren.
Innerhalb der Charité kann die Ambulanz auf die elektronische Dokumentation zurückgreifen. Bei externen Behandler gibt es dagegen bislang keine automatisierte digitale Datenübertragung. Patient:innen müssen deshalb häufig selbst Arztbriefe und Befunde mitbringen.
Die fehlende sektorenübergreifende Digitalisierung ist aus Sicht von Nicolas Paul eine der großen Herausforderungen.
(…) es gibt jetzt keine automatisierte digitale Datenübertragung, Wir sind darauf angewiesen, dass die Patient:innen an vielen Stellen dann uns berichten und die Briefe selber anbringen. … Wir begreifen uns nicht als Konkurrenz zu der hausärztlichen Versorgung. Das ist vielleicht noch mal ganz wichtig zu betonen. Sondern wir sehen uns als Ergänzung und in gewisser Weise auch als Entlastung der Hausärztinnen für diese komplexen Patient:innen, wo der Hausarzt vielleicht sagt, der braucht eigentlich so viele verschiedene Verordnungen, hat so eine komplexe Behandlungssituation, dass ich vielleicht gar nicht die zeitlichen Ressourcen habe, das adäquat zu managen.
Aus Sicht von Nicolas Paul sollte die Versorgung stärker am gesamten Behandlungspfad und -ergebnis und weniger an einzelnen Versorgungssektoren ausgerichtet werden. Intensivmedizin, Rehabilitation, hausärztliche Versorgung und Fachmedizin sollten stärker gemeinsam Verantwortung für das Behandlungsergebnis übernehmen.
Eine solche sektorenübergreifende Zusammenarbeit könnte nicht nur die Versorgung der Patient:innen verbessern, sondern auch Folgekosten und Reibungsverluste reduzieren.
(26:35) Die Botschaft, die mir sehr am Herzen liegt, ist, dass wir, das betrifft auch die PICS-Ambulanz, aber auch andere Bereiche, dass wir im Gesundheitswesen anfangen müssen, Verantwortung für den gesamten Behandlungsverlauf und auch für das Behandlungsergebnis zu übernehmen. Wir müssen viel mehr dahin kommen, dass wir sagen, okay, wir haben jetzt nicht so eine Silo-Struktur, wo jeder für seinen kleinen Bereich verantwortlich ist.
Für eine solche Zusammenarbeit brauche es allerdings auch entsprechende regulatorische Rahmenbedingungen, Abrechnungsmodelle und vor allem eine funktionierende digitale Infrastruktur.
Die PICS-Ambulanz ist 2020 aufgebaut worden und inzwischen Teil der regulären Versorgung der Charité. Screening, Einbestellung, Assessment und Wiedervorstellungen sind strukturell etabliert.
Gleichzeitig wird das Angebot wissenschaftlich weiterentwickelt. Gemeinsam mit anderen Zentren in Deutschland und Österreich ist unter anderem die Registerstudie PICS-DACH gestartet. Sie soll helfen, besser zu verstehen, welche Patient:innen ein Post-Intensive-Care-Syndrom entwickeln und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Digitalisierung des Angebots. Geplant ist eine digitale Plattform, über die Patient:innen unabhängig vom Wohnort angebunden werden und Teile des Assessments digital durchführen können.
Und daraus ergeben sich zahlreiche wissenschaftliche Projekte und Forschungsfragen, die wir auch weiter wagen. Das ist bei PICS so viel, dadurch dass es recht jung ist, so viel nicht verstanden, dass die Versorgung dann nicht ohne den Forschungsaspekt funktioniert.
Die PICS-Ambulanz versorgt Patient:innen nach schwerer Erkrankung und intensivmedizinischer Behandlung. Sie untersucht, welche Folgen die Erkrankung und die intensivmedizinische Therapie hinterlassen haben, entwickelt gemeinsam mit den Betroffenen einen individuellen Behandlungsplan und koordiniert die weitere Versorgung.
Ziel ist es, die Patient:innen auf ihrem Weg zurück in den Alltag und zu ihrer ursprünglichen Funktionalität zu unterstützen.
Die größten Benefits sind für unsere Patientinnen und Patienten, dass sie eine Orientierungshilfe haben und sich oft weniger verloren fühlen in der ambulanten Versorgung.
Die PICS-Ambulanz soll aus Sicht von Nicolas Paul kein Angebot bleiben, das nur in Berlin zur Verfügung steht. Sein Wunsch ist eine flächendeckende Versorgung für Menschen nach einer intensivmedizinischen Behandlung.
Schon heute erreichen die Ambulanz Anfragen aus verschiedenen Regionen Deutschlands von ehemaligen Intensivpatient:innen, die nach einer geeigneten Anlaufstelle suchen.
Ich würde mir wünschen, dass so eine Art der Versorgung flächendeckend verfügbar wird.
Berlin/Hamburg, im August 2026
Intro/Outro: www.kurtcreative.de / Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wieder. Die Christoph Lohfert Stiftung macht sich Äußerungen ihrer Gesprächspartner:innen in Interviews und Beiträgen nicht zu eigen. Headerbild: Bertram Solcher für den Lohfert-Preis 2022.