Christoph Lohfert Stiftung Logo Christoph Lohfert Stiftung Logo

Kein Fax, kein langes Warten am Telefon, sondern alles auf einen Blick: Digitale Therapiebegleitung schafft Sicherheit für Patient:innen und entlastet Behandlungsteams

9. Juli 2026

Lohfert-Preis

Die Zahl oraler Krebstherapien nimmt kontinuierlich zu. Für viele Patient:innen bedeutet das: Ein großer Teil der Behandlung findet nicht mehr in der Klinik, sondern ambulant und zuhause statt. Dadurch entstehen neue Anforderungen an Kommunikation, Therapiebegleitung und Zusammenarbeit zwischen Klinik, niedergelassenen Arztpraxen und Patient:innen.  Wie lässt sich eine bessere Vernetzung von Behandelnden und Patient:innen erreichen, wie Medienbrüche reduzieren und eine sichere, strukturierte Begleitung während der Therapie ermöglichen? 

Darüber sprechen wir mit Maximilian Roederstein, COO des Münchner StartUps Justhealth GmbH. Er hat zusammen mit Oliver Ullrich, Mitgründer und CEO von JustHealth, die digitale Plattform OnkoPass entwickelt, die die Jury des Lohfert-Preises 2026  lobend erwähnt. 

Hören Sie den Podcast in voller Länge auch bei Spotify, Youtube, Apple Podcasts und überall, wo´s Podcasts gibt oder als YouTubeShort :-)

Maximilian Roederstein, JustHealth-Co-Founder und Chief Operating Officer, Bild: JustHealth
Maximilian Roederstein, JustHealth-Co-Founder und Chief Operating Officer, Bild: JustHealth

 

Das Interview im Überblick

01:31 – Warum benötigen Patient:innen während einer ambulanten Krebstherapie eine digitale Begleitung?

Mit der Verlagerung vieler Tumortherapien nach Hause verändert sich die Versorgung grundlegend. Patient:innen müssen hochwirksame (und dennoch toxische) Medikamente eigenständig einnehmen, dann die Nebenwirkungen beobachten und regelmäßig Laborwerte übermitteln. Gleichzeitig fehlen im Alltag häufig strukturierte Kommunikationswege zwischen Krebszentrum, Arztpraxen vor Ort und Zuhause. Genau für diese Versorgungslücke wurde OnkoPass entwickelt.

Die neuen Therapiemethoden führen dazu, dass Patienten immer mehr zu Hause bleiben und selbstgesteuerter Therapien durchführen.

05:11 –Wie verändert OnkoPass die Patient Journey nach der Krebsdiagnose?

Nach der Diagnose stehen Betroffene vor einer Vielzahl medizinischer und organisatorischer Fragen. Kliniktermine machen nur einen kleinen Teil des Therapiealltags aus; der größte Informationsbedarf entsteht zuhause. OnkoPass stellt hierfür Therapieinformationen, Termine und Hinweise zentral in einer App bereit, sodass Patient:innen Inhalte jederzeit erneut nachlesen können. Ziel ist eine strukturierte Begleitung zwischen den Klinikbesuchen.

Auf einmal steht man zu Hause, und da geht es dann los mit vielen Fragen.


Info: Der Lohfert-Preis 2026 geht an das Projekt ePROtect: Kontinuierliche Begleitung krebskranker Kinder" der Medizinischen Universität Innsbruck.

Hier im Podcast


07:21 – Wie entlastet eine digitale Plattform wie OnkoPass die Behandlungsteams?

Auch heute noch sind Faxe, Papierunterlagen und manuelle Dokumentation im Klinikalltag üblich. Dadurch entsteht zum Teil doppelter Arbeitsaufwand. OnkoPass digitalisiert unter anderem die Übermittlung von Laborwerten und strukturiert Patientendaten innerhalb der Klinik. Dadurch sollen administrative Abläufe vereinfacht und Informationen schneller verfügbar werden.

Und wenn man die Daten strukturiert erfasst, sowie auch die Nebenwirkungen in Form von Fragebögen der App, dann ist der nächste logische Schritt, diese Aufgaben im Team zu verwalten. Das heißt sich, Aufgaben zuzuweisen, die Termine zu organisieren, die verschiedenen notwendigen Schritte für alle Seiten einzustellen.

09:11 – Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Patient:in und Klinik?

Technische Voraussetzung ist, dass OnkoPass von der Klinik an das bestehende Krankenhausinformationssystem (KIS) angebunden wird. Die Nutzung der Patienten-App erfolgt freiwillig. Laborwerte können hier beispielsweise fotografiert oder hochgeladen und direkt an das Behandlungsteam übermittelt werden. Die Plattform ersetzt dabei ausdrücklich nicht die ärztliche Kommunikation oder Therapieentscheidung.

Wir wollen den administrativen Prozess unterstützen, aber nicht die ärztliche Entscheidungsfindung oder Kommunikation ersetzen.

11:17 – Wie wird die Hausarztpraxis in OnkoPass eingebunden? 

Viele Patient:innen wohnen weit entfernt von spezialisierten Krebszentren. Deshalb ist es für sie eine große Zeitersparnis, wenn die regelmäßigen Laboruntersuchungen – „Labore“ – wohnortnah erfolgen. Anschließend holen die Patient:innen die Laborwerte aktiv bei den Praxen vor Ort ein und übermitteln sie an die behandelnde Klinik, die sich dann zurückmeldet. Das spart Wege und erleichtert die regelmäßige Therapiekontrolle, ohne den persönlichen Kontakt bzur Klinik zu ersetzen. Die Praxis ist nicht zwingend involviert.

Für ein simples Labor so weit zu fahren, das macht keinen Sinn.

15:37 – Welche Rolle spielen Patient-Reported Outcomes (PROs)?

OnkoPass nutzt validierte Fragebögen, mit denen Patient:innen regelmäßig Angaben zu ihrem Gesundheitszustand machen können. Die Antworten werden den Behandlungsteams zur Verfügung gestellt. Automatische Benachrichtigungen beispielsweise bei kritischen Werten fallen jedoch in den Bereich der ärztlichen Entscheidungsfindung. Dafür benötigt OnkoPass noch die Zulassung als Medizinprodukt, die für nächstes Jahr in Aussicht gestellt ist.

Wir benutzen validierte Fragen, die regelmäßig über die Patienten-App abgefragt werden.

17:59 – Welchen Nutzen erleben Patient:innen im Alltag?

Rückmeldungen aus der bisherigen Studie zeigen laut M. Roederstein, dass insbesondere Transparenz und Sicherheit geschätzt werden. Patient:innen sehen, ob Laborwerte eingegangen sind, erhalten strukturierte Informationen zur Therapie und müssen seltener telefonisch nachfragen. Auch die diskrete Kommunikation über die App wird positiv bewertet.

Ich habe endlich Sicherheit, dass ich weiß: Das ist angekommen.

23:00 – Warum verfolgt OnkoPass einen gemeinsamen Ansatz für Klinik und Patient:in?

Viele digitale Anwendungen richten sich entweder an medizinische Einrichtungen oder ausschließlich an die Patient:innen. OnkoPass möchte die Behandler und die Patient:innen-Seite innerhalb einer gemeinsamen Plattform verbinden und dadurch Informationsverluste entlang der Versorgung vermeiden. Nach Ansicht M. Roedersteins liegt darin ein wesentlicher Unterschied zu anderen Lösungen.

Wir möchten beide Seiten zusammen als einheitliche Plattform sehen.

Dabei ist der Co-Gründer offen für die Kooperation mit anderen digitalen Plattformangeboten, wenn es zum Beispiel darum geht, Informationen und Wissen über die Erkrankung in der App bereit zu stellen.


Anmerkung der Redaktion: Im Jahr 2023 hatte die  Online-Plattform „PINK! - Aktiv gegen Brustkrebs“ mit der DiGA PINK! Coach eine lobende Erwähnung der Jury erhalten. Den "Coach für die Hosentasche" hat Prof. Pia Wülfing mit ihrem Team entwickelt. Inzwischen ist sie eine vielfach ausgezeichnete Gründerin.

Mehr zu PINK!


24:37 – Welche Erfahrungen gibt es bisher mit OnkoPass?

In einer Machbarkeitsstudie an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen mit 50 Patientinnen beobachtete das Team von OnkoPass eine hohe Akzeptanz der Plattform. Behandlungsteams berichteten von einer wahrgenommenen Zeitersparnis von rund 30 Prozent, außerdem wurde eine hohe Weiterempfehlungsbereitschaft unter den Teilnehmerinnen gemessen. In der Tübinger Frauenklinik wird OnkoPass inzwischen in der Regelversorgung angewandt, an anderen Kliniken (Frauenklinik Universitätsklinikum Dresden, Frauenklinik Universitätsklinikum Leipzig, Frauenklinik Rechts der Isar, TUM München)  starten gerade Feasibility-Studien als Vorbereitung für den Einsatz.

Unser nächster Schritt ist der Weg in die Regelversorgung.

27:08  – Wie sieht die Zukunft der digitalen Krebsversorgung aus?

Maximilian Roederstein erwartet in den kommenden Jahren große technologische Fortschritte – insbesondere durch Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig sieht er im heutigen Versorgungsalltag weiterhin erhebliche digitale Defizite. Seine Vision besteht darin, die Lücke zwischen modernen Therapien und veralteten Versorgungsprozessen zu schließen.

Low-Tech trifft auf High-Tech.

29:03 – Exkurs: Was hat ein australischer Hund mit der Krebsversorgung im Jahr 2045 zu tun?

Zum Abschluss des Gesprächs erwähnt Maximilian Roederstein die Medienberichte über einen australischen IT-ler, der einen experimentellen Impfstoff gegen die Krebserkrankung seines Hund mithilfe von Chat GPT entwickelt haben soll – nachzulesen hier. Für Roederstein verdeutlicht sie vor allem, wie schnell sich KI-gestützte Forschung derzeit entwickelt.

Hamburg/München, 30.06.2026 - das Gespräch fand als Videokonferenz statt.


Weitere lobende Erwähnungen gehen an 

  • Nationales Centrum für Tumorerkrankungen am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden:  Visuelle Therapiepläne bei komplexen Krebsbehandlungen, Dr. Helena Jambor - im Podcast 
  • Medizinische Universität Wien: Begleitung der Transition von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenpsychiatrie, Dr. Klara Czernin  (in Kürze)
  • Charité - Universitätsmedizin Berlin: Die PICS-Ambulanz der Charité – Sektorenübergreifende Kontinuität für Überlebende einer intensivmedizinischen Therapie, Prof. Dr. med. Nicolas Paul  (in Kürze)

Intro/Outro: www.kurtcreative.de / Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wieder. Die Christoph Lohfert Stiftung macht sich Äußerungen ihrer Gesprächspartner:innen in Interviews und Beiträgen nicht zu eigen. Headerbild: Bertram Solcher für den Lohfert-Preis 2015.

zurück nach oben