Lohfert-Preis
Prof. Dr. Matthias Rose ist Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Er hat mit seinem Team vom Charité Center for Patient-Centered Outcomes Research den Lohfert-Preis 2023 für das Projekt "Charité PROM Rollout – Integration der Patient:innenperspektive in die Routineversorgung" gewonnen. Das Ziel des Projekts, das vom Vorstand Krankenversorgung ins Leben gerufen wurde, ist die Charité-weite Erfassung der selbst-berichteten Gesundheit durch die Patient:innen anhand sogenannter PROMs - Patient-Reported Outcome Measures.
Wir haben mit Prof. Rose über das Projekt und die (europaweite) Bedeutung der PROMs gesprochen:
Alternativ können Sie das Interview auf Deezer, Spotify, Youtube oder Apple Music hören.
Eine Kurzfassung des Interviews, veröffentlicht in der Preisträgerbroschüre 2023, finden Sie weiter unten.
00:42: Wofür Patient-Reported Outcomes stehen – Matthias Rose über die Definition von PROs – und die Frage: „Wie geht es Ihnen?“
01:49: Warum die Aussagen der Patient:innen erst jetzt systematisch erfasst werden – zur Bedeutung von Virchow und über den Wandel von der philosophischen zur naturwissenschaftlichen Prämisse der Medizin
PRO – Patient-Reported Outcome: durch Patient:innen selbstberichteter Gesundheitszustand nach einer medizinischen Behandlung
PROM – Patient-Reported Outcomes Measure: Instrument zur Messung von PROs, insbesondere strukturierte schriftliche oder elektronische Fragebögen
PROMIS® - Patient-Reported Outcomes Measure Information System: Forschungsinitiative mit dem Ziel, eine standardisierten Bewertungsmethode zu entwickeln, die selbstberichtete Merkmale sowohl körperlicher als auch psychischer und sozialer Gesundheit durch Patient:innen erfasst. Das deutsche PROMIS® National Center (German PNC) ist an der Charité – Universitätsmedizin Berlin angesiedelt.
03:56: Über die PRO-Messung aus Sicht der Patient:innen – Matthias Rose über acht Dimensionen der Gesundheit und deren Erfassung bei der Aufnahme
05:10: Fragebogen als Messinstrument – über die Frage, warum wir Fieber messen und dabei einheitliche Messwerte benötigen – und was ein PROM mit der ePa zu tun hat.
07:33: Zur Erfassung krankheitsspezifischer Aspekte – Matthias Rose über den Fakt, das Müdigkeit zwar verschiedene Ursachen haben kann, sich aber immer gleich anfühlt – und weshalb Laborwerte und PROs gemeinsam betrachtet werden müssen.
11:34: Der Nutzen der PROs für Patient:innen und Mitarbeitende – über Überlebensrate, Prävention und Liegezeitenverkürzung
19:34: Wann ist der Effizienz-Vorteil ein Argument? Matthias Rose über tradierte Ziele des Gesundheitswesens und die Transformationsnotwendigkeit der Medizin
21:08: Zum Erfolg des Projekts - und seinen Herausforderungen – über die Veränderung des Mindset als Voraussetzung für die Medizintransformation, über Datenschutz und die Möglichkeiten von Digitalisierung für den Health Outcome Observatory und European Health Data Space.
Hamburg/Berlin, im Juni 2023
Moderation: Dr. Thomas Lehnert / Redaktion & Produktion: Julia Hauck
Das ist historisch bedingt: Virchow schaffte im 19. Jahrhundert mit der Konzentration auf die Zelle, und damit auf das einzelne Organ, einen Durchbruch in der Erkrankungsbehandlung: Betrug die Lebenserwartung damals nur 40 Jahre, so werden wir heute gut 80 Jahre alt. Die Aufgabe bestand also lange darin, das Leben zu verlängern – zu überleben. Heute besteht die Aufgabe darin, Leid zu vermindern. Aus diesem Perspektivwechsel heraus stellen wir uns jetzt die Frage nach den wissenschaftlichen Methoden: „Wie können wir Leid messen, um es zu vermindern?“
Bei der Aufnahme, während und nach der Behandlung in einer unserer Kliniken beantworten die Patient:innen auf einem Tablet einige Fragen zum Gesundheitszustand – Fragen, die alle betreffen und die sich acht Dimensionen von Gesundheit zuordnen lassen. Gemessen werden diese mit dem Patient Reported Outcome Measurement Information System (PROMIS®): Wie geht es Ihnen psychisch? Wie geht es Ihnen körperlich? Wie geht es Ihnen sozial?
Die Erkrankungsperspektive gilt immer. Aber ich möchte eben nicht nur die Erkrankung, sondern auch die Person behandeln. Und für die Person ist es egal, ob ihre Müdigkeit vom Tumor kommt, durch die Depression oder eine Niereninsuffizienz entsteht. Das heißt, Müdigkeit messen wir – aus der Patientenperspektive – gleich.
Ich denke, wir stehen vor einer grundlegenden Transformationsnotwendigkeit der Medizin. Wir müssen die Medizin verändern. Mit Erfolgen in der Prävention werden wir später krank. Und wenn wir eine Erkrankung haben, sollten wir diese nicht mehr als so leidvoll erleben müssen. Es ist im Interesse aller: Weniger Leiden bedeutet weniger Kosten und weniger Personalbedarf. Diese Transformation der Medizin hin zu einer Patient Centered Care können wir wissenschaftlich nur vollziehen, wenn wir auch die Patient:innen befragen. Denn sonst bleiben wir bei einer erkrankungsorientierten Sicht.
Wir haben – vereinfacht gesagt – vier verschiedene Nutzungsgruppen: Zunächst erleichtern die Informationen der PROMs unmittelbar die Behandlung – und die Weiterbehandlung zuhause. Außerdem können die Patient:innen anhand der Daten beispielsweise sehen, wie es ihnen im Vergleich zu anderen geht. Das ist eine Art von Patient Engagement. Drittens geht es natürlich auch um aggregierte Nutzung, um die Ergebnisse von Therapien oder Behandlungen zu vergleichen. Und viertens können die Daten für die ökonomische Steuerung oder Qualitätssicherung genutzt werden.
Der Nutzen besteht in mehrfacher Hinsicht: So hat eine Studie aus den USA hat gezeigt, dass durch das Monitoring bei einer potenziell lebenseinschränkenden Erkrankung die Lebenserwartung um sechs Prozent gestiegen ist! Außerdem ließen sich die Einweisungen in die Notaufnahme reduzieren.
Ein weiterer Nutzen liegt im Screening. Die Wahrscheinlichkeit einer depressiven oder psychischen Erkrankung in der Bevölkerung liegt ungefähr bei zehn Prozent, von denen nur die Hälfte erkannt wird. Wir wissen aber, dass depressive Erkrankungen zum Beispiel für Sterblichkeit bei koronarer Herzkrankheit bedeutsam sind. Eine systematische Erfassung von psychischen Gesundheit bei allen Patient:innen hilft also auch, das Screening zu verbessern.
Aufgrund der Liegezeitverkürzung in den Kliniken wird die Befriedigung des Personals – nämlich eine Bindung zu den Patient:innen zu haben – immer kleiner. Dadurch wächst die Unzufriedenheit des Personals und wir verlieren es – eine der größten Herausforderungen im Medizinsystem.
Ich sehe eigentlich nur eine Zukunft vor Augen: Dass wir vor allem die Behandlungen, die ambulant nachverfolgt werden, mit digitalen Methoden so gestalten, dass die medizinische und Pflege-Fachkraft immer noch den Eindruck hat, den oder die Patientin weiter zu betreuen – und dass die Patient:innen sehen, dass sie sich noch weiter in unserer Obhut befinden.
Ich glaube, der Erfolg liegt vor allem in der Veränderung des ‚Mindsets‘. Das Projekt drückt aus, dass sich die Haltung verändert hat und unterstützt den Weg hin zu einer Patient Centered Care. Die große Herausforderung ist die Digitalisierung. Denn wir haben die Rahmenbedingungen, um etwas umzusetzen, mit sehr vielen Regularien versehen, beispielsweise bei der Datennutzung.
Der ökonomische Nutzen entsteht aber eigentlich erst, wenn wir die PROs national ausrollen. Und wenn wir ernsthaft nachdenken, ernstlich transformativ, müssen wir über den European Health Data Space reden. Doch dazu brauchen wir auch das Bundesgesundheitsministerium, das sagt: „Die Patient:innen stehen für uns im Mittelpunkt und das sollten wir auch messen.“ Das wäre mein Wunsch. Alles andere wird automatisch passieren.