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Wir brauchen beides: die Aufklärung der Bevölkerung über die Symptome und die Schulung in den Krankenhäusern

15. Februar 2021

News

Ein Podcast mit Prof. Dr. Konrad Reinhart anlässlich der Kampagne "Deutschland erkennt Sepsis" des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS).

"Es muss mit mindestens 15 Millionen Euro jährlich Kampagnen geben, wo die Bürger aufgeklärt werden, dass sie sich schützen sollen, dass sie die Frühsymptome kennen. Und die Krankenhäuser müssen angehalten werden, eben ihr Personal systematisch zu schulen, wie es in anderen Ländern Standard ist. Sie müssen Rapid Response Teams etablieren, um davon wegzukommen, erst nach einem Herzstillstand auszurücken. Das sind eigentlich ganz simple Sachen, die woanders Standard sind", fordert Professor Konrad Reinhart, Chairman der Global Sepsis Alliance und Vorstandsvorsitzender der Sepsis Stiftung schon seit Jahren. Warum ein nationaler Aktionsplan, Sepsis als Qualitätsindikator in den Krankenhäusern und die Aufklärung der Bürger:innen von elementarer Bedeutung in der Reduktion vermeidbarer Todesfälle durch Sepsis ist, erzählt uns Professor Konrad Reinhart im Podcast. Den Mitschnitt des Gesprächs finden Sie weiter unten.

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Das Gespräch im Mitschnitt

Tanja Brunner: Herr Professor Reinhart, zu Beginn die Frage für diejenigen Zuhörer, die mit Sepsis noch nicht ganz so vertraut sind: Was genau versteht man unter einer Sepsis? Welche Symptome weisen auf eine Sepsis hin? Und warum ist denn die frühzeitige Erkennung eigentlich so wichtig?

(1:18) Konrad Reinhart: Ja, Sepsis ist die schwerste Komplikation einer Infektion, und sie kann de facto aus jeder Infektion entstehen. Zur Sepsis kommt es dann, wenn die körpereigenen Abwehrmechanismen nicht mehr in der Lage sind, eine Infektion lokal zu begrenzen. Dann schwämmen Erreger in die Blutbahn ein und lösen dort eine überschießende Immunreaktion aus. Die ist eigentlich gegen die Erreger gerichtet, schädigt auch die körpereigenen Organe. Wenn diese Situation eintritt, dann sprechen wir von der Sepsis. Also, wenn der eigene Körper durch Autoaggression geschädigt wird. Das unterscheidet eine Sepsis von einer normalen Infektion.     

Früherkennung der Sepsis ist der Schlüssel zur Reduktion vermeidbarer Todesfälle

Tanja Brunner: Und weshalb ist es so wichtig, dass diese frühzeitige Erkennung erfolgt? Dafür kämpft Ihre Stiftung ja auch schon lange.

(2:18) Konrad Reinhart: Wenn die körpereigenen Organe geschädigt werden, dann ist das eine absolut lebensbedrohliche Situation. Das Ganze endet dann meist – wie wir jetzt z.B. auch bei Corona sehen – im Multi-Organversagen und dem septischer Schock. Die die Überlebenschancen liegen dann maximal zwischen dreißig und fünfzig Prozent. Und wir wissen aus vielen Studien, dass im Stundentakt die Sterblichkeitsrate ansteigt. Und von daher muss eben Sepsis wie Herzinfarkt oder Schlaganfall auch als Notfall behandelt werden.

Tanja Brunner: Sie haben im Jahr 2015 mit dem Projekt Medusa den Lohfert-Preis erhalten. Die Studie zielte damals schon auf die Optimierung der frühzeitigen Erkennung und schnellen Primärversorgung septischer Patienten. Damals haben Sie auch mit unserem bereits verstorbenen Stifter, Herrn Dr. Christoph Lohfert, ein Interview geführt. Sie haben darin gesagt, dass es nicht nur darum ginge, die Intensivmediziner in den Krankenhäusern für die Erkennung von Frühstadien der Sepsis zu sensibilisieren. Sondern man müsse beim niedergelassenen Arzt beginnen, da fünfzig Prozent der Sepsisfälle sich außerhalb des Krankenhauses entwickeln. Uns würde interessieren: Was hat sich in den letzten sechs Jahren bei der Früherkennung von Sepsis in dem Zusammenspiel von ambulantem und stationärem Bereich getan?

Zusammenspiel stationärer und ambulanter Bereich bei der Sepsis-Erkennung von zentraler Rolle

(3.50) Konrad Reinhart: Zunächst eine kleine Richtigstellung. Ich habe damals fünfzig Prozent gesagt. Heute wissen wir also aus Ländern, wo wir bessere Zahlen haben, dass es achzig Prozent der Fälle sind, die außerhalb entstehen. Und von daher ist eben auch die ärztliche Versorgung im ambulanten Bereich sehr wichtig. Aber was genauso wichtig ist, dass vor allem die Patient:innen Bescheid wissen, bei welchen Symptomen sie an Sepsis denken müssen. Und das ist genau dieser tipping point, wenn eine lokal begrenzte Infektion in eine Sepsis übergeht. Sie hatten mich vorhin gefragt „Was sind denn diese Zeichen?“ Das sind eben Zeichen, wie zum Beispiel eine neu auftretende Verwirrung, wie plötzlich Atemnot, wie vor allem ein nie vorher gekanntes Krankheitsgefühl, teilweise mit Todesangst. Das berichten viele Patient:innen. Die Haps Rate geht hoch, der Blutdruck kann abfallen und man fühlt sich ganz schlecht und krank wie nie zuvor. Es gibt natürlich auch andere Ursachen dafür. Aber vor allem, wenn das auch noch aus einer Infektion heraus passiert, man vielleicht eine Grippe hatte oder eine Wunde, die sich plötzlich weiterentwickelt. Oder nach einer Operation. Also, das sind die Situationen, in denen Patient:innen  besonders gefährdet sind.

Das ist auch eine neue Erkenntnis in dem Sinn, dass die Gesundheitsbehörden bis hin zur WHO bis hin zum CDC (zentrale Gesundheitsbehörde der USA, Anm. d. R.) bis vor viereinhalb Jahren immer noch allein auf die Verhinderung von Infektionen im Krankenhaus fokussiert waren. Das ist auch ganz wichtig. Aber selbst wenn wir dort perfekt sind, haben wir immer noch achzig Prozent des Problems außerhalb. Was man beispielhaft jetzt auch mit Covid-19 sieht. Das ist ja auch „nur“ eine zusätzliche neue Infektion, die zu einer Sepsis führen kann. Genauso wie Ebola. Und vielen ist auch nicht bewusst, dass z.B. das Grippevirus eine Sepsis auslösen kann. Wir haben ja manchmal Jahre, in denen wir 20, 30.000 Tote durch Grippe haben. Und auch die müssen wir zu den Sepsis-Toten dazuzählen.

Tanja Brunner: Ja, wo sie gerade die Todesfälle erwähnen, das Aktionsbündnis Patientensicherheit möchte ja mit der Kampagne nun das Bewusstsein für Sepsis stärken und die Zahl der vermeidbaren Todesfälle reduzieren. Wo liegt denn Ihrer Meinung nach heute noch die größte Herausforderung für Ärzt:innen und Pflegekräfte, für Angehörige, die Sepsis frühzeitig zu erkennen und schnell zu handeln?

Früherkennung und schnelles Handeln bei einer Sepsis sind immer noch eine große Herausforderug in Krankenhäusern

(6:42) Konrad Reinhart: Naja, dass sie die genannten Symptome einfach nicht kennen. Da unterscheidet sich Deutschland elementar von vielen anderen Ländern, die vor zehn, 15 Jahren verstanden haben, dass im Krankenhaus der sich akut verschlechternde Patient die Haupttodesursache ist. Und von daher wird z. B. in England oder in Australien oder auch in den USA mit sogenannten Early Warning Scores systematisch geschult. Keine Pflegekraft oder kein junger Arzt wird an einen Patienten gelassen, bevor er nicht geschult ist – also, dass er im Krankenhaus die Verschlechterung eines Patienten, die lebensbedrohlichen Frühzeichen erkennt.

In Deutschland haben wir einen riesigen Nachholbedarf. Ich habe gerade nochmal in dem Zusammenhang für einen Antrag an den Innovationsfonds für Rapid Response Teams die Literatur angeschaut, und es ist erschreckend: Es gibt in Deutschland ein Reanimations-Register. Das dokumentiert nicht nur die Herzstillstände, die sich außerhalb des Krankenhauses ereignen, sondern auch die im Krankenhaus. Und diese Defizite, die wir haben, werden dadurch deutlich, dass mehr als ein Drittel der Herzstillstände im Krankenhaus unbemerkt passieren. Sieben Prozent werden von Angehörigen erkannt. Ich glaub, ich muss nicht mehr dazu sagen, dass wir dort ein erhebliches Problem haben.

Wir brauchen dringend Rapid Response Teams in den Krankenhäusern

Nicht nur aus der Perspektive des Aktionsbündnis Patientensicherheit, sondern auch aus der Perspektive der Sepsis-Stiftung brauchen wir beides: Wir brauchen eine Aufklärung der Bevölkerung über die Symptome, aber wir brauchen auch eine Schulung in den Krankenhäusern. Vor allem brauchen wir das, was man Rapid Response Systeme nennt, die in den genannten Ländern Voraussetzung für die Zertifizierung eines Krankenhauses sind. Das ist nämlich diese Schulung, die ich benannt habe und gleichzeitig die Einrichtung eines Team, das man rufen kann. Und zwar nicht erst, wie in Deutschland der Fall, bei Herzstillstand. Das sind unsere Reanimation Teams oder Cardiac Arrest Teams – die rücken in der Regel nur bei Herzstillstand aus. Woanders hat man vor zehn, 15 Jahren begriffen: Das ist ja viel zu spät. Man kann die Mehrheit dieser Herzstillstände, wenn sie früh erkannt werden, verhindern!

Rapid Response Team: Ein schnelles Reaktionsteam, auch als medizinisches Notfallteam und hochscharfes Reaktionsteam bekannt, ist ein Team von Gesundheitsdienstleistern, das auf Krankenhauspatienten mit frühen Anzeichen einer Verschlechterung auf nicht-Intensivstationen reagiert, um Atemstillstand oder Herzstillstand zu verhindern. Cardiac Arrest Receiving Team (CART): Ziel des CART ist es, reanimierte Patienten möglichst rasch und standardisiert mit festgelegten diagnostischen und therapeutischen Pfaden zu versorgen. Hierzu kommt ein spezialisiertes Team im Bereich des Reanimations- und Postreanimationsmanagements zusammen.

Und wir von der Sepsisseite kommend haben natürlich verstanden, dass das auch für die Sepsisprävention entscheidend ist. Denn über fünfzig Prozent dieser Fälle auch im klinischen Herzstillstand resultieren aus Sepsis. So hängen die Dinge zusammen: Man muss, wenn man sich um Sepsis kümmert, und das ist eine große Lehre für mich, sich auch um die Qualität unserer Gesundheitssysteme kümmern und um die Qualität der Behandlungen auch im Krankenhaus. Das ist das eine.

Das andere ist natürlich die Vorbeugung. Unsere Impfzahlen in Deutschland betragen im Vergleich zu Ländern, die eine deutlich niedrigere Sepsissterblichkeit haben, nur ein Drittel. England, Australien, USA haben Impfraten gegen Grippe und Pneumokokken z.B. – Pneumokokken sind ein Haupterreger auch für Lungenentzündung – , die liegen bei um die achzig Prozent. Wir haben Impfraten gegen diese beiden Erreger, die im Bereich um dreißig Prozent und darunter liegen. Wenn wir davon sprechen, dass unsere Sepsissterblichkeit in Deutschland doppelt so hoch ist wie in Australien und deutlich höher ist als in England oder in den USA, dann ist es ein multifaktorielles Geschehen. Wir können es nicht nur auf eine Ursache zurückführen. Trotzdem ist es sehr wichtig, dass wir überhaupt auf dieses Problem aufmerksam machen.

Tanja Brunner: Hat das auch was damit zu tun, was Sie schon damals mit Herrn Lohfert im Interview besprochen haben: Sie haben damals einen sogenannten Nationalen Aktionsplan gefordert in den Krankenhäusern für Sepsis. Wie sieht es damit heute, nach sechs Jahren, aus? Gibt es den mittlerweile?

Nationaler Aktionsplan von großer Bedeutung

(11:34) Konrad Reinhart: Ja, wir haben einen nationalen Sepsisplan gefordert. Das geschah auch auf Anregung des jetzigen Kanzleramtsministers Helge Braun, der Mitglied in unserem Kuratorium ist. Es war also gar nicht nur meine Idee.

Es gibt ja nationale Pläne für seltene Erkrankungen – und eben nicht für das Krankenhaus, sondern für das Gesundheitswesen. In diesem Plan haben wir vier Felder, genauso wie in dieser WHO-Resolution zur Sepsis, die wir mit Unterstützung der Bundesregierung im Jahr 2017 in Genf erreicht haben. Also die WHO hat eine Gesetzesresolution verabschiedet, auch auf Anregung der Global Sepsis Alliance, deren Gründungspräsident ich auch bin. Man muss der Bundesregierung wirklich danken, dass sie das mit unterstützt hat. Ohne sie, ohne damals Herrn Gröhe, wäre es nicht gegangen. Man braucht ein Land, das Sponsor ist. Also von daher: Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist aber, dass entgegen unseren Forderungen, die dann 2013 von uns schon. Also gab's ein Memorandum, das war unterstützt von dem Präsidenten der Leopoldina, den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, von dreißig Fachgesellschaften usw. Das ist also damals und blieb unbeantwortet. Man hat es noch nicht einmal angenommen im Bundesministerium. Dann haben wir es 2017 nach der Verabschiedung dieser Resolution wieder erneuert – dieses Memorandum mit noch mehr Fachgesellschaften und weiterer Unterstützung durch die genannten unter der Schirmherrschaft des Aktionsbündnisses Patientensicherheit.

Damals hat Thüringen so einen Antrag dann in diese gemeinsame Gesundheitsministerkonferenz eingebracht. Das war 2018 im Juni. Dort hat man beschlossen bzw. empfohlen und die Bitte an den Bund gerichtet, man möge doch am Robert-Koch-Institut eine Expertenkommission einrichten, um zu diskutieren, wie man die Forderungen aus dieser WHO-Resolution, die de facto identisch sind mit den Forderungen, die auch in dem nationalen Sepsis-Aktionsplan sind: Über die Prävention, besser impfen, Schulungen, bessere Vermeidung Krankenhaus-assoziierter Infektionen, bessere Früherkennung, Antibiotic Stewardship zur Verhinderung von Antibiotikaresistenzen und so weiter. Gesamtpaket ja, aber da wurde bis jetzt noch nicht reagiert. Erst einmal Punkt an dem Punkt.  Aber wir geben natürlich nicht auf. Inzwischen hat ohne unser Zutun die Linke eine kleine Anfrage im Bundestag gestellt zu dem Thema. Dadurch ist schon Bewegung gekommen. Ich habe jetzt gehört, dass die AfD eine große Anfrage im Bundestag stellt, gestellt hat und stellen will. Also es ist bedauerlich, dass aus den politischen Rändern die Initiative kommt. Aber es ist halt lange nichts passiert. Das ist die Situation. Aber wir sind weiter optimistisch.

Also jetzt auch unter diesen Bedingungen der Pandemie muss man ja ganz klar erkennen: Da ist vieles gut gelaufen. Warum ist es gut gelaufen? Weil die Politik sich jetzt gekümmert hat. Man kann – und das ist die Fehlkonstruktion in unserem deutschen Gesundheitswesen, dass man glaubt, man kann die Patientensicherheit und die Qualität ausschließlich der Ärzteschaft und den Interessengruppen überlassen, die im G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss, Anm. d. R.) zusammensitzen. Ja, das ist die Krankenhausgesellschaft. Es ist die KBV (Dachverband der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen, Anm.d.R.), das sind die Kassen. Die Patienten sind nur vertreten ohne Stimmrecht. Es ist, als ob Sie die Verkehrssicherheit dem ADAC und den Autofahrern überlassen würden. In anderen Ländern haben sie Qualitätsindikatoren – das fehlt alles in Deutschland.

Rory's Staunton’s Regulation in den USA senkt Sepsis-Sterblichkeit

Beispiel New York: Dort hatte sich ein Kind mit zwölf Jahren am Arm verletzt und war drei Tage später tot, weil es von einer Notaufnahme einer Universitätsklinik in Downtown Manhattan nach Hause geschickt wurde, obwohl Blut abgenommen wurde und so weiter und so fort. Man hatte eine Fehldiagnose gestellt. Das wurde von der New York Times aufgegriffen. Da gab es dann ein Hearing im Senat und der Gouverneur Cuomo hat eine sogenannte Rory's Staunton’s Regulation beschlossen – so hieß dieses Kind. Cuomo hat alle 190 Krankenhäuser im Staat New York verpflichtet zu dokumentieren, inwieweit sie die Standards bei der Erstdiagnose und Ersttherapie einhalten. Zwei Jahre später konnten sie im New England Journal und im JAMA (The Journal of the American Medical Association) nachlesen, dass die Sterblichkeit, die dort ohnehin niedriger ist, nochmal um fünf Prozent gesunken ist, sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern. Das ist der große Unterschied zwischen unserem Gesundheitssystem, das träge ist ohne Ende, und anderen Gesundheitssystemen, auf die wir herabblicken. Ja. Inklusive England und so weiter und so fort. Das erklärt, warum wir, ja warum wir Änderungen brauchen.

Tanja Brunner: Das stimmt. Wo Sie vorhin schon einmal kurz die Pandemie erwähnt haben. Was hat sich denn durch Covid-19 in der Erkennung von Sepsis verändert? Hat sich da vielleicht sogar was verbessert? Das Sepsis viel früher erkannt wird durch Covid-19-Patienten, weil anders auf die Patienten geguckt wird? Oder hat sich noch viel mehr verschlechtert im Hinblick auf Sepsis? Können Sie uns dazu ein paar Fakten sagen?

Covid-19 und Sepsis hängen eng zusammen

(17:22) Konrad Reinhart: Also erstens: Jetzt ist es erkannt. Die Chinesen haben in den ersten Publikationen ganz klar darauf hingewiesen und erkannt, dass es Sepsis ist per Definition. Wie ich vorhin erklärt habe, ist Sepsis definiert, wenn eine Infektion zu einer Organdysfunktion führt. Und warum sind unsere Intensivstationen so überfüllt? Weil man dort eben – und das ist der Fortschritt gegenüber der spanischen Grippe – am Beispiel Sepsis andere Ursachen gelernt haben, wie man „relativ gut“ mit Organdysfunktionsstörungen und Schockzuständen umgehen kann.

Also wir haben in Deutschland eher zu viel als zu wenig Intensivbetten, die personell schlecht ausgestattet sind undundund trotzdem: Unter den Corona-Bedingungen war das gut so. Und was auch erkannt wurde und da wurde unter anderem auch von uns darauf hingewiesen: Jeder Patient in der Quarantäne muss darüber aufgeklärt werden, bei welchen Zeichen, nämlich wenn er plötzlich verwirrt ist, wenn er plötzlich tachypnoeisch wird, also schwer und schnell atmet – also alles die typischen Gefahrenzeichen hat, dann muss er sich melden. Von daher glaube ich, das Verständnis über Sepsis ist dadurch größer geworden.

Auch die Bundesregierung hat in ihrer Antwort auf diese Kleine Anfrage der Linken auf die Frage mit „Ja“ geantwortet, ob das denn auch Corona zu Sepsis führen kann. Ich hoffe einfach, wenn das begriffen wird – weil das ist ja nicht die letzte Pandemie – es ist ja jetzt gerade auch wieder im Kongo Ebola ausgebrochen und mit diesen Mutationen wissen wir nicht, ob das Ganze in einem halben Jahr vorbei ist. Ich glaube es nicht – aber ich glaube, es wird dazu beitragen, dass Dinge besser werden. Das ist die positive Seite jetzt voll von dieser fürchterlichen Pandemie. Soweit mein Kommentar.

Bis jetzt hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), das Wort Sepsis oder Blutvergiftung nicht in den Mund genommen. Das muss sich einfach ändern. Wir werden mit 15 Millionen Sonderetat jährlich seit 15 Jahren oder länger zu Recht über die Vermeidung oder über sexuell übertragbare Krankheiten aufgeklärt. Der Gesamtetat der BZgA ist aber nur 17 oder 18 oder 19 Millionen. Ja, und dort passiert überhaupt keine Aufklärung.

Wenn Sie mal die Budgets angucken, die in USA ausgegeben werden: Der Etat des CDC ist hundertmal höher, als der Etat des R.K.I. Da kann man sich vorstellen, wo die niedrigen Impfraten herkommen und auch, dass die Impfgegner die Lufthoheit in Deutschland haben, wo das herkommt, weil wir versagen bei der gesundheitlichen Aufklärung, bei der Gesundheitskompetenz, strukturell. Weil man es eben, wie gesagt, nicht allein den Ärzten und den Interessenverbänden überlassen kann, sondern – wenn man das schon tut – dann extern kontrollieren muss. Und Qualitätsindikatoren müssen verbindlich sein, veröffentlichen, transparent und und und. Es muss sehr viel passieren und ich hoffe, es wird passieren.

Ich weiß nicht, ob Sie den EU-Länder Report kennen, der ja jedes Jahr von der EU herausgegeben wird. Den empfehle ich dringend. So, da ist Deutschland mit den Kosten vierzig Prozent über dem europäischen Durchschnitt. Bei der Qualität, gemessen an der Zahl der vermeidbaren Todesfälle (und da ist Sepsis nicht mitgezählt. Lungenentzündung ist mit dabei) liegen wir zwischen Slowenien und Griechenland im Mittelfeld. Und es gibt 220.000 vermeidbare Todesfälle.

Wir müssen uns ehrlich machen mit dieser Frage. Und solange ich behaupte, wir hätten das beste Gesundheitssystem der Welt. Wo kommt denn dann das Verständnis dafür her, es besser zu machen? Also wenn man sich nicht ehrlich macht. An diesem Punkt wird man nicht weiterkommen und es gibt da viel zu viel zu verbessern.

Tanja Brunner: Wo müsste man denn Ihrer Meinung nach direkt ansetzen, um die Sepsis-Aufklärung zu verbessern? Erstmal bei der normalen Bevölkerung oder bei den Hausärzten oder bei den Intensivmedizinern? Was ist denn das Wichtigste im Komplex ambulant stationär? Das eigene Zuhause? Was müsste ich als Laie, als Mensch machen, um da mitzuwirken?

Sepsis-Aufklärung auch für den "normalen Bürger" anbieten

(20:29) Konrad Reinhart: Naja, also ich muss als normaler Bürger natürlich Angebote wahrnehmen, die es gibt. Schauen Sie sich mal die Website an vom CDC. Ich erinnere an diese Familie, die das Kind verloren hat. Zufällig war dieses Kind auch dem Chuck Schumer, dem dortigen Mehrheitsführer der Demokraten, bekannt und die Eltern waren politisch ganz gut vernetzt. Die sind dann auf die Website gegangen vom CDC, haben festgestellt: Da kommt Sepsis in der A- bis Z-Liste überhaupt nicht vor. Das hat sich geändert. Nachdem die dort mit aufmarschiert sind und so weiter. Aber dann finden sie plötzlich Sepsis unter Healthcare Associated Infections (HAI) aufgeführt wurden. Aber das Kind hatte sich beim Basketball eine Schürfwunde geholt. Also sagen wir mal, da war viel Ignoranz. Aber man hat dann in Windeseile reagiert und Programme aufgesetzt. Das macht diesen Unterschied.

Aber jetzt nochmal: Das ist eine konkrete Forderung der Stiftung. Es muss mit mindestens 15 Millionen jährlich Kampagnen geben, wo die Bürger aufgeklärt werden, dass sie sich schützen sollen, dass sie die Frühsymptome kennen. Und die Krankenhäuser müssen angehalten werden, eben ihr Personal systematisch zu schulen, wie es in anderen Ländern Standard ist. Sie müssen Rapid Response Teams etablieren, um davon wegzukommen, erst nach einem Herzstillstand auszurücken. Das sind eigentlich ganz simple Sachen, die woanders Standard sind.

Wir haben – wie gesagt – 2013 einen comprehensiven, kohärenten Vorschlag gemacht und es gäbe mit dem Memorandum seitens des Sepsis-Stiftung einen guten Plan. Aber umsetzen will ihn keiner. Die Verantwortung, die die Politik hervorragend wahrnimmt im Zusammenhang mit Covid-19, muss sie in gleicher Weise wahrnehmen im Zusammenhang mit der alltäglichen Sepsis, die nach wie vor mehr Todesopfer fordert. Ich meine, wir haben inzwischen jetzt auch 60.000 Tote (Stand: 10.02.2021, Anm. d. R.), wenn ich es richtig gehört habe heute von Covid-19, aber wir haben jedes Jahr mindestens 70.000 Tode von der gewöhnlichen Sepsis. Das muss begriffen werden. Und ich hoffe, dass es begriffen wird. Und ich bin optimistisch, dass jetzt reagiert wird. Aber wie gesagt, es wird dauern. Es braucht Anstrengungen und man kann nur hoffen, dass alle ihre entsprechenden Lehren ziehen.

Tanja Brunner: Das ist ein sehr schönes Schlusswort. Wir haben sehr viel von ihnen gehört, dass da wirklich noch ganz viel Luft nach oben ist in der Verbesserung. Obwohl wir uns gewünscht hätten, dass sozusagen zum letzten Interview vor sechs Jahren mit unserer Stiftung, sich schon ein bisschen mehr getan hat in Sachen Erkennung von Sepsis. Aber wir hoffen, dass es nicht nochmal sechs Jahre dauert, bis wir vielleicht sogar noch größere Erfolge sehen können, dass vielleicht ein Nationaler Aktionsplan da ist oder Sepsis als Qualitätsindikator in den Krankenhäusern ist. Wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch und wünschen auch dem APS mit der Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ natürlich, dass sie erfolgreich wird und bedanken uns herzlich.

Konrad Reinhart: Gerne.

Berlin/Hamburg, im Februar 2021


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Über Konrad Reinhart

Konrad Reinhart ist Intensivmediziner und Anästhesist. Er hat seine medizinische Laufbahn der Erforschung der Sepsis (Blutvergiftung) gewidmet. Seine Arbeiten haben die medizinische und gesundheitsökonomische Bedeutung der Sepsis aufgezeigt und zu einer besseren Arzneimittelsicherheit in der Sepsistherapie geführt. Konrad Reinhart ist Initiator der Deutschen Sepsis-Gesellschaft, der ersten Fachgesellschaft für Sepsis weltweit. Auf internationaler Ebene hat er die Global Sepsis Alliance (GSA) gegründet und das Thema Sepsis in die Weltgesundheitsorganisation WHO eingebracht. In aktuellen Studien und Projekten erforscht er die Langzeitfolgen der Erkrankung, um diese besser zu verstehen und behandeln zu können. Konrad Reinhart ist Mitglied der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften. 2015 erhielt Konrad Reinhart den Lohfert-Preis für das Projekt MEDUSA-Medical EDUcation for Sepsis source control and Antibiotics" (Universitätsklinikum Jena).


Foto: Leopoldina, Halle, Germany/ Musik im Podcast. www.audiyou.de Markus Hildebrandt / Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wider. Die Christoph Lohfert Stiftung macht sich Äußerungen ihrer Gesprächspartner:innen in Interviews und Beiträgen nicht zu eigen.

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